Der Lotus war schön. Aber er war nicht für mich
Mein größter Traum war immer die Lotusposition im Yoga. Konnte ich als Kind – kann doch nicht so schwer sein als Erwachsene, oder?
Ich erinnere mich noch gut, wie ich meine Lehrerin fragte, ob der Lotus wirklich so für meine Hüften sein sollte. Meine Intuition schrie laut – doch sie lächelte ruhig und sagte: Deine Hüften brauchen nur mehr Öffnung. Bleib dran. Eines Tages wird es kommen. Im Nachhinein muss ich schmunzeln.
Es gibt keine „steife Hüfte“. Es gibt nur deine Hüfte – mit ihrer Geschichte, ihrer Struktur, ihrer ganz eigenen Art, sich in der Welt zu bewegen. Das wissen wir eigentlich alle. Und doch vergessen wir es so leicht.
Ich glaubte, dass am Ende all der Mühe – wenn ich nur beharrlich genug, diszipliniert genug, perfekt genug wäre – irgendwann Leichtigkeit auf mich warten würde. Im Lotus saß ich und rang mit mir selbst. Ich zwang meine Beine in eine Form, die nicht meine war. Und nannte es Praxis.
Dann kam der Tag, an dem der Körper die Rechnung präsentierte und gleichzeitig begann ich mich mit der Spiraldynamik auseinanderzusetzen. Ich musste vieles auseinandernehmen, was ich für wahr gehalten hatte. Vorstellungen von Ausrichtung. Ideen von Fortschritt. Bilder davon, wie Yoga auszusehen hat. Und in diesem Auseinandernehmen fand ich etwas viel Wertvolleres als die perfekte Form: ich fand mich selbst.
Was bedeutet es, der Mensch im Raum zu sein, der es nicht schafft. Der nicht so aussieht wie auf dem Bild. Der keine Alternative bekommt, weil keine vorgesehen ist.
Meine Schülerinnen und Schüler sollen das nicht erleben.
Heute beginne ich viele Workshop mit einer einfachen Frage: Was brauchst du – nicht die Asana, nicht das Bild, nicht die Tradition – sondern du, heute, in diesem Körper?
Wir schauen gemeinsam, wie Gelenke wirklich funktionieren. Wir erkunden, was der Lotus von einer Hüfte verlangt – und was deine Hüfte davon geben kann, will und darf. Wir legen beiseite, was nicht für dich gedacht ist. Und wir finden, was schon. Was dabei entsteht, ist keine vereinfachte Version des Lotus. Es ist deine Version. Und die ist die einzige, die zählt.
Genau hier beginnt für mich auch Kompetenz: nicht darin, Menschen schöner in Formen zu bringen, sondern darin, zu erkennen, was für einen Körper sinnvoll ist – und was nicht.
Denn du bist einzigartig. Nicht als Trost gemeint – sondern als Tatsache.
Und was wäre, wenn es an dir gar nichts zu reparieren gäbe? Was wäre, wenn der Lotus nicht das Ziel ist, sondern der Spiegel – der dir zeigt, wer du bereits bist?
Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Bewegungen im Yoga: weg vom Ideal, hin zur Wahrnehmung. Weg vom Beweisen, hin zum Hören. Weg von der Form um jeden Preis, hin zu einer Praxis, die dich nicht kleiner macht, sondern wahrhaftiger. Das ist meine Hoffnung. Für jeden Menschen, der sich auf die Matte setzt und sucht.
Du musst nicht perfekter werden.
Du musst nur ankommen.
Wenn du genau das vertiefen möchtest – den Blick auf den individuellen Körper, die therapeutische Dimension von Yoga und die Frage, wie Begleitung wirklich stimmig wird – dann ist genau dafür der Medical Yoga Path da.
Mehr Info: www.yogawege.com/medical-yoga-path/
