Nicht jeder Körper gehört in dieselbe Yogastellung
2010/2011 hatte ich öfters eine Begegnung mit Rückenschmerzen – und meine eigene Yoga-Praxis trug dazu bei. Ich ahnte bereits, dass Anpassungen nötig waren. Doch ich glaubte noch fest daran, dass die richtige Technik alles heilen könnte: dieser Fuß genau dorthin, jener Muskel bewusst aktiviert, die Ausrichtung präzise angewandt. Als könnten wir uns durch genug Aufmerksamkeit und Willenskraft in die perfekte Form zwingen.
Für meine Yogakurse schrieb ich ein Handout zum Thema Yoga und Rückenschmerz.Gut gemeint, aus persönlicher Erfahrung geboren. Und doch: Ich hatte eine Antwort gegen eine andere ausgetauscht. Füße zusammen funktioniert nicht? Dann eben hüftbreit. Eine neue Regel für eine alte.
Was ich damals noch nicht sah: Kein Körper gleicht dem anderen.
Und genau hier begann für mich später auch der Wert der Spiraldynamik® sichtbar zu werden: nicht als starres Korrektursystem, sondern als präzise Schule des Sehens. Als etwas, das mir half, die funktionelle Intelligenz des Körpers klarer zu lesen, anstatt Menschen noch eleganter in Formen hineinzuführen, die vielleicht nie für sie gedacht waren.
Das Skelett hat keine Meinung über Tradition
Wenn man anfängt zu verstehen, dass Knochen im Yoga der Startpunkt sind, dass Hüften sich auf tausend verschiedene Arten in ihren Pfannen bewegen – dann beginnt die Idee der „korrekten Ausrichtung“ zu bröckeln.
Ich began damals Yogalehrer Ausbildungen zu leiten in ganz Österreich – überall dasselbe: Ich bat die Menschen, die Füße hüftbreit zu stellen. Und überall gab es jemanden, der innehielt, kurz in sich horchte – und die Füße dann doch zusammen ließ. Oder sie leicht nach außen drehte. Oder in einer kleinen, wunderbaren Asymmetrie landete, die für niemanden sonst auf der Welt genau so aussehen würde.
Und diese Menschen strahlten. Weil sie sich nicht in eine Form gepresst hatten. Weil die Form sich ihnen angepasst hatte. Und hier begannen wir dann Ausrichtung neu zu denken.
Nicht jeder Körper gehört in dieselbe Yogastellung. Und genau deshalb reicht es nicht, Formen nur leicht zu korrigieren. Genau hier beginnt für mich der Unterschied zwischen dem Anleiten von Asanas und dem wirklichen Begleiten von Menschen. Zwischen einem Unterricht, der die Form bewahrt, und einer Arbeit, die den Menschen ernst nimmt.
Was ich selbst entdeckte
Sogar ich musste irgendwann zugeben: Um wirklich zum Beispiel wie ein Berg zu stehen, brauche ich die Füße hüftbreit. Und manchmal zeigt der rechte Fuß etwas weiter nach außen als der linke. An manchen Tagen mehr, an anderen weniger.
In dieser Position fühle ich mich geerdet. Die Vorwärtsbeuge öffnet sich. Die Brücke trägt sich leichter. Kein Lehrbuch hätte mir das in seiner Vollkommenheit gesagt – nur der stille Dialog mit meinem eigenen Körper.
Und später auch die Spiraldynamik®: nicht als Gegensatz zu Yoga, sondern als Hilfe, noch präziser zu sehen, noch differenzierter zu verstehen, warum etwas stimmig ist oder eben nicht.
Das war für mich ein Wendepunkt.
Weg von der Frage, wie eine Yogastellung aussehen soll.
Hin zu der Frage, was für diesen Körper in diesem Moment sinnvoll ist.
Weg von der Idee, eine Haltung retten zu müssen.
Hin zu der Bereitschaft, den Menschen vor mir wirklich zu lesen.
Yoga hat das immer schon gewusst
Eine der zentralen Lehren des Yoga ist so einfach, dass wir sie ständig vergessen: Alles verändert sich. Ständig. Und das ist nicht das Problem – das Festhalten ist das Problem.
Wir klammern uns an Formen.
An Anweisungen.
An das Bild, wie eine Stellung aussehen soll.
Und verpassen dabei den eigentlichen Moment auf der Matte.
Die Vorwärtsbeuge zum Beispiel ist nicht jeden Tag dieselbe Asana. Nicht für dich. Nicht für mich. Abhängig davon, wie du geschlafen hast, wie du gegangen bist, was du trägst – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne – kommt deine Vorwärtsbeuge heute anders an als gestern.
Was sich verändert, ist nicht nur die Form. Es verändert sich auch, was der Körper gerade braucht.
Und vielleicht ist genau das einer der stillsten, aber wichtigsten Übergänge von Yoga als Praxis zu Yoga als Begleitung: zu erkennen, dass derselbe Mensch nicht einmal an zwei aufeinanderfolgenden Tagen dieselbe Antwort braucht.
Die Rolle des Lehrers neu denken
Lange Zeit war ich im Modus des Formerhalts. Ich wollte die Asana zugänglich machen, sicher gestalten. Immer etwas hinzufügen, verfeinern, korrigieren.
Heute verstehe ich meinen Platz anders.
Ich bin kein Architektin der perfekten Haltung.
Ich bin eine Begleiterin
Jemand, der Möglichkeiten in den Raum stellt und dann den Menschen vertraut, die Weisheit des eigenen Körpers zu hören.
Oft brauchen Schüler keine weiteren Anweisungen.
Sie brauchen die Erlaubnis, weniger zu tun.
Weniger anspannen.
Weniger kontrollieren.
Weniger beweisen.
Und einfach stehen – so, wie ihre Bergstellung heute steht.
Doch genau darin liegt auch eine große Kompetenz: zu erkennen, wann weniger wirklich klüger ist. Wann eine Form sinnvoll ist. Wann sie es nicht ist. Wann Stabilität nicht aus Korrektur entsteht, sondern aus Erlaubnis. Und wie wir Menschen so begleiten, dass sie nicht in eine Idee von Yoga hineingepresst werden, sondern Yoga so erfahren, dass es sie wirklich unterstützt.
Präventives Yoga ist Gesundheitsarbeit
Präventives Yoga ist Gesundheitsarbeit.
Und Gesundheitsarbeit verlangt Kompetenz.
Nicht nur Erfahrung auf der Matte.
Nicht nur Gefühl.
Nicht nur schöne Flows.
Sondern Wissen über Körper, Bewegung, Atem und therapeutische Prozesse. Und die Fähigkeit, all das in der Praxis zusammenzubringen.
Gerade in der Einzelarbeit wird das besonders sichtbar. Denn dort geht es nicht um einen Flow für alle, sondern um einen Menschen vor dir. Um Bewegungsmuster. Um Beschwerden. Um das, was gerade da ist. Und vielleicht ist genau das auch einer der Gründe, warum fundierte Privatstunden für viele Yogalehrer:innen nicht nur fachlich, sondern irgendwann auch wirtschaftlich ein Wendepunkt werden.
Denn Menschen buchen dort keinen allgemeinen Ablauf.Sie buchen Klarheit. Präzision.Individuelle Begleitung.
Und genau dafür braucht es mehr als gute Absicht.
Es braucht einen geschulten Blick und ein tieferes Verständnis.
Und die Bereitschaft, den Körper nicht länger durch die Form zu betrachten, sondern die Form durch den Körper.
Fazit
Kleine Anpassungen können ein Anfang sein.
Aber sie sind noch keine therapeutische Kompetenz.
Wer Menschen wirklich gut begleiten möchte, muss mehr können, als Formen etwas sicherer zu machen. Es braucht einen anderen Blick. Mehr Tiefe. Mehr Verständnis. Mehr Präzision.
Genau dort beginnt für mich präventiv-therapeutisches Yoga.
Nicht dort, wo wir immer neue Regeln über alte Regeln legen.
Sondern dort, wo wir anfangen, den Menschen vor uns wirklich zu sehen.
Und wenn du genau das vertiefen möchtest – die Verbindung aus Körperverständnis, therapeutischer Klarheit, Spiraldynamik® und der Tiefe des Yoga – dann schau dir den Medical Yoga Path an.
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